Lärm im Büro: Warum gute Akustik beim Grundriss beginnt
Alessandro Nicotra
Akustik

Kurz gesagt
— Akustik ist eine Entwurfsfrage, keine Ausstattungsfrage. Sie beginnt bei der Organisation, nicht beim Material.
— Laute und leise Tätigkeiten brauchen eine klare Ordnung im Grundriss, mit Übergängen dazwischen.
— Raumgeometrie und Raumkonturen lenken den Schall. Material ist der letzte Schritt und wird Teil der Gestaltung.
Gute Akustik im Büro entsteht nicht durch Absorber, die man nachträglich an Wand und Decke hängt. Sie beginnt bei der Frage, wer wo arbeitet, wie Räume geschnitten sind und wo ihre Kanten liegen.
Akustik ist eine Entwurfsfrage, keine Ausstattungsfrage.
Warum ist es in vielen Büros zu laut?
Weil Akustik oft erst dann zum Thema wird, wenn der Raum schon gebaut ist. Dann treffen Telefonate auf Konzentrationsarbeit, die Kaffeeecke liegt neben dem ruhigen Bereich, und was folgt, sind Akustikbilder, Stellwände und Kopfhörer.
Dabei stört nicht der Pegel am meisten, sondern das, was man versteht. Das SECO hält fest, dass schon einzelne Gesprächsfetzen die Konzentration mindern. Eine Befragung von über 42'000 Büroangestellten nennt Lärm und fehlende Privatsphäre als Hauptgründe für Unzufriedenheit im Grossraumbüro.
Wir drehen die Reihenfolge um. Ruhe und Austausch sind von Anfang an Teil des Entwurfs, so wie Licht und Wege.

Office Nordostschweiz. Die blaue Wand ist mit Stoff gepolstert.
Wie verbessert man die Akustik im Büro?
Indem man in der richtigen Reihenfolge plant. Jede Ebene übernimmt einen Teil der Arbeit, und je früher sie greift, desto weniger muss später korrigiert werden.
Organisation. Begegnung liegt nahe an Eingang und Küche, Fokus dort, wo wenig Wege vorbeiführen. Dazwischen puffern Besprechungsräume und Ablagen.
Raumgeometrie. Proportion, Raumhöhe und Gliederung bestimmen, wie sich Schall ausbreitet. Ein gegliederter Raum klingt ruhiger als eine grosse, gleichförmige Fläche.
Raumkonturen. Wo eine Wand endet, ein Einbau beginnt oder ein Regal den Raum teilt, entscheidet über Sichtbezug und Klang zugleich.
Material. Erst zuletzt wählen wir Oberflächen, die absorbieren, weil sie so entworfen sind. In einem unserer Büros in der Nordostschweiz liegt in den Sitzungszimmern hinter dem Regal eine Schicht aus PET, die blaue Wandfläche ist mit Stoff gepolstert, und ein Akustikteppich dämpft Schritte und Gespräche. Keine dieser Massnahmen wirkt wie eine Massnahme.
Warum reicht eine Akustikdecke allein nicht?
Weil sie den Nachhall senkt, aber nicht verhindert, dass man den Nachbarn versteht. Ein Rechenbeispiel der DGUV zeigt: Akustikdecke und Teppich erfüllen im Zweierbüro die Vorgaben zur Nachhallzeit, die Sprachverständlichkeit bleibt trotzdem zu hoch. Auch die Wegleitung des SECO empfiehlt für Grossraumbüros eine Zonierung.
Was ist der Unterschied zwischen Raumakustik und Schallschutz?
Raumakustik beschreibt, wie Schall sich innerhalb eines Raums verhält; Schallschutz, wie viel Schall in den nächsten dringt. Die eine sorgt dafür, dass man sich versteht, ohne laut zu werden. Der andere, dass ein vertrauliches Gespräch im Sitzungszimmer bleibt.
Was hilft gegen Lärm im Grossraumbüro?
Am meisten eine klare Zonierung mit Rückzugsorten in der Nähe. Wer weiss, dass für ein Telefonat ein Raum bereitsteht, stellt seine Gespräche dorthin. Offen heisst dabei nicht automatisch mehr Austausch: Eine Studie der Harvard Business School fand nach dem Umzug in ein Grossraumbüro rund 70 Prozent weniger persönliche Gespräche.

Office Nordostschweiz
Häufige Fragen
Wann sollte man bei der Büroplanung an Akustik denken?
Von Anfang an, bei der Zonierung und der Raumaufteilung. Je früher Akustik im Entwurf steckt, desto weniger zusätzliche Elemente braucht es später.
Braucht gute Akustik teure Akustikelemente?
Nicht zwingend. Viel lässt sich über Organisation, Raumgeometrie und Einbauten lösen, die ohnehin geplant werden. Absorbierende Materialien sind dann Teil der Gestaltung statt ein zusätzlicher Posten.
Funktioniert das auch bei einem Umbau im Bestand?
Ja. Gerade im Bestand bringt eine neue Zonierung oft mehr als zusätzliche Akustikpaneele, weil sie laute und leise Tätigkeiten neu ordnet.
Macht Studio Nicotra akustische Messungen und Berechnungen?
Nein. Wir sind Innenarchitekten und planen den Raum so, dass gute Akustik entsteht. Wo Messungen oder Berechnungen nötig sind, arbeiten wir mit Fachplanern für Akustik zusammen.
Wie merkt man, ob ein Büro akustisch gut funktioniert?
Man hört es nicht. Man spricht in normaler Lautstärke, versteht sich gut und kann sich trotzdem konzentrieren. Im Arbeitswelt-Check bewertet ihr Licht und Akustik eures heutigen Raums in wenigen Minuten.
Quellen
Wegleitung zur ArGV 3, Art. 22 Lärm und Vibrationen, SECO, 2021
Grossraumbüros: So schützen Sie die Gesundheit der Mitarbeitenden, SECO, 2016
DGUV Information 215-443: Akustik im Büro, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, 2021
The impact of the «open» workspace on human collaboration, Bernstein und Turban, Harvard Business School, 2018
Workers dissatisfied with open-plan offices, University of Sydney, 2013
VDI 2569: Schallschutz und akustische Gestaltung im Büro, VDI, 2019
Gute Akustik hört man nicht. Man spürt sie: in der Ruhe beim Arbeiten und in der Leichtigkeit, mit der man miteinander spricht.
Kontakt
Zuhören ist unser erster Entwurf.
Jedes Projekt beginnt mit einem Gespräch. Erzählt uns, was ihr vorhabt: eine neue Arbeitswelt, ein Restaurant, eine Fläche mit Zukunft. Wir kommen offen, neugierig und mit der Erfahrung aus Strategie, Innenarchitektur und Licht. Am liebsten bei uns im Studio an der Gutstrasse in Zürich. Oder dort, wo euer Projekt entsteht.