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Kultur, die man sehen kann.

Unternehmenskultur im Büro: Wie man sichtbar macht, wohin sich eine Firma entwickeln will

Alessandro Nicotra

Workplace Intelligence

Kurz gesagt

— Räume gehören zu den sichtbarsten Zeichen einer Unternehmenskultur. Sie können einen Wandel tragen oder ihn bremsen.

— Eine kurze Befragung zeigt, wie Mitarbeitende die Kultur heute erleben und wie sie sie sich wünschen. Die Lücke dazwischen ist der Auftrag an den Raum.

— Aus dieser Lücke entstehen konkrete Entscheide: mehr Orte für Austausch, weniger Distanz zur Führung, mehr Raum für Experimente.

Jedes Büro erzählt, wie eine Firma tickt: wer wo sitzt, wo man sich trifft, wie offen Türen sind. Oft erzählt es aber die Kultur von gestern. Wer ein Büro plant, plant deshalb auch die Kultur von morgen mit. Dafür muss man zuerst wissen, wo man heute steht und wohin man will.

Ein Büro, das die Kultur von gestern abbildet, macht den Wandel schwer.

Was hat die Unternehmenskultur mit dem Büro zu tun?

Mehr, als man denkt. Der Organisationspsychologe Edgar Schein beschreibt Kultur in drei Ebenen: Grundannahmen, gelebte Werte und Artefakte. Zu den Artefakten zählt er ausdrücklich die gebaute Umgebung, die Architektur und den Grundriss eines Büros (Schein, MIT). Sie sind sichtbar, aber nicht immer leicht zu lesen.

Wie stark der Raum wirkt, zeigt eine Studie zu Hot Desking: Mitarbeitende mit festen Plätzen identifizieren sich stärker mit ihrem Team, solche ohne festen Platz stärker mit der Organisation als Ganzes. Die Raumordnung entscheidet mit, wozu man sich zugehörig fühlt.

Wie misst man die Kultur eines Unternehmens?

Indem man fragt, wie die Kultur heute erlebt wird und wie sie sein soll. Das bekannteste Modell dafür ist das Competing Values Framework von Kim Cameron und Robert Quinn. Es erhebt die aktuelle und die gewünschte Kultur nebeneinander (Cameron und Quinn, University of Michigan). Die Autoren halten fest, dass viele Veränderungsprojekte scheitern, weil die Kultur dahinter dieselbe bleibt.

In Workplace Intelligence beantworten die Mitarbeitenden in der Befragung beides: Wie erlebt ihr eure Firma heute, und wie sollte sie sein? Zum Beispiel bei Hierarchie, Zusammenarbeit, Innovation, Flexibilität, Kommunikation, Transparenz, Autonomie und dem Verhältnis von Arbeit und Leben. Die Auswertung legt beide Bilder übereinander und zeigt, wo Wunsch und Wirklichkeit am weitesten auseinanderliegen.

Coop Rechtsschutz, Bellinzona

Wie wird aus einer Kulturlücke ein Raumkonzept?

Jede grosse Lücke stellt eine Frage an den Raum. Wünscht sich das Team flachere Hierarchien, stellt sich die Frage, wo die Führung sitzt und ob es Einzelbüros braucht. Wünscht es mehr Innovation, braucht es Orte zum Ausprobieren, die nicht perfekt sein müssen. Wünscht es mehr Transparenz, helfen Sichtbezüge, offene Projektwände und Räume, in denen Entscheide gemeinsam getroffen werden.

So entsteht ein Briefing, das nicht auf Geschmack beruht, sondern auf dem, was die Menschen im Unternehmen selbst sagen. Bei pom+ in Zürich etwa stand der Austausch im Zentrum. Darum schlägt das Herz des Hauptsitzes heute in einem multifunktionalen Workshopraum, ergänzt durch viele ruhige Rückzugsorte.

Warum lohnt sich das für ein Unternehmen?

Weil Zugehörigkeit Menschen bindet. In der Schweiz sind laut Gallup nur 8 Prozent der Mitarbeitenden emotional stark an ihre Arbeit gebunden. Der Raum allein ändert das nicht, aber er wirkt mit: Im Gensler Global Workplace Survey 2025 sind 90 Prozent der Mitarbeitenden, die ihren Arbeitsplatz mögen, stolz auf ihre Firma. Bei jenen, die sich vom Umfeld entfremdet fühlen, sind es 47 Prozent.

Und Mitgestaltung zahlt sich aus. In Versuchen der University of Exeter arbeiteten Teilnehmende in Räumen, die sie mitgestalten konnten, deutlich produktiver als in kargen, vorgegebenen Büros.

Was bringt das dem Unternehmen?

Investitionen, die treffen, und Mitarbeitende, die bleiben. Wer die grösste Kulturlücke kennt, investiert dort, wo der Raum am meisten verändert, statt das Budget gleichmässig über die Fläche zu verteilen. Das spart Geld an Orten, die niemand vermisst hätte.

Und es senkt eine der teuersten Kosten eines Unternehmens: Fluktuation. Mitarbeitende in sehr guten Arbeitsumgebungen bleiben laut Gensler fast dreimal so wahrscheinlich bei ihrem Unternehmen. Die Befragung selbst ist schnell: Sie läuft in der Regel ein bis zwei Wochen, danach liegen die Ergebnisse vor, als Grundlage für Workshop und Entwurf.

KAYAK Office, Zürich

Häufige Fragen

Kann man Unternehmenskultur überhaupt messen?

Nicht exakt, aber man kann sie sichtbar machen. Eine Befragung zu Ist und Soll zeigt, wie Mitarbeitende ihre Firma erleben und wo sie Veränderung erwarten.

Wer sollte an der Befragung teilnehmen?

Möglichst alle. Die Führung sieht oft eine andere Kultur als die Teams. Gerade dieser Unterschied ist aufschlussreich.

Sind die Antworten anonym?

Ja. Wir werten nur zusammengefasst aus, einzelne Antworten sind nicht einsehbar.

Was passiert, wenn Ist und Soll weit auseinanderliegen?

Dann ist der Raum ein starker Hebel, aber nicht der einzige. Wir begleiten den Wandel deshalb mit Workshops und Change Management, damit Räume und Verhalten zusammen wachsen.

Funktioniert das auch ohne Umzug?

Ja. Auch im bestehenden Büro lassen sich Zonen, Treffpunkte und Rückzugsorte neu ordnen, wenn klar ist, welche Kultur sie tragen sollen.

Quellen

Kultur lässt sich nicht verordnen. Aber man kann ihr einen Ort geben, an dem sie wachsen kann.

Kontakt

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